Nach den Dürrekatastrophen in den Jahren 2011 und 2016-2019 befinden sich die Länder Somalia, Kenia und Äthiopien am Horn von Afrika erneut in einer prekären Situation. Die schlimmen Auswirkungen der aktuellen Dürre auf die Menschen und Tiere in der Region werden dabei durch zusätzliche Faktoren verstärkt, darunter die Wüstenheuschreckenplage, die COVID-19-Pandemie mit ihren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen, ungewöhnlich hohe Lebensmittelpreise sowie Konflikte. Gemäss der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) steht die Region am Rande einer humanitären Katastrophe. VSF-Suisse ist in allen drei Ländern tätig und hat in Anbetracht der aktuellen Krise ihre Aktivitäten nochmals intensiviert.

In den letzten drei Regenzeiten (Okt-Dez 2020, Apr-Jun 2021 und Okt-Dez 2021) fiel in weiten Teilen der Trocken- und Halbtrockengebiete in Kenia, Süd- und Zentralsomalia und Südäthiopien weniger als 70 Prozent der durchschnittlichen Niederschlagsmenge. Einige Gebiete erlebten sogar die trockensten Regenzeiten seit Beginn der Aufzeichnungen. Viele Viehtränken und Wasserlöcher sind schon fast ausgetrocknet. Für die nomadischen Gemeinschaften und ihre Tiere führt die Wasserknappheit neben dem Mangel an Trinkwasser auch zu einer massiven Verschlechterung der Weideflächen. Viele Tiere befinden sich in einem so schlechten Zustand, dass die Milchproduktion geringer ausfällt und die Viehpreise gesunken sind, was sich negativ auf die Lebensgrundlagen der Menschen auswirkt. Vielerorts kam es sogar schon zu Viehsterben. Gemäss der FAO sind zum Beispiel in Kenia in nur drei Monaten, von Oktober bis Dezember 2021, 1,4 Millionen Tiere verendet.

In den landwirtschaftlich genutzten Gebieten haben der verspätete Beginn der aktuellen Regenzeit und die insgesamt unterdurchschnittlichen Niederschlagsmengen zu sehr schlechten Ernten oder gar Ernteausfällen geführt. Die Menschen konnten deshalb kaum Vorräte anlegen und bleiben so über einen längeren Zeitraum vom Markt und seinen steigenden Preisen abhängig.

 

Starker Anstieg der Lebensmittelpreise

Manche Gebiete haben mit vier Problemen gleichzeitig zu kämpfen: Dürre, Konflikte, Wüstenheuschrecken und hohe Lebensmittelpreise. © FAO

Der Zugang zu Nahrungsmitteln wurde durch die steigenden Nahrungsmittelpreise in den von der Dürre betroffenen Gebieten in allen drei Ländern weiter erschwert. In Äthiopien sind die Nahrungsmittelpreise unter anderem auch wegen des Konflikts in Tigray stark gestiegen.

In Somalia haben die unterdurchschnittlichen Ernten der letzten Dürreperioden zu einem erheblichen Anstieg der Getreidepreise geführt. In den am stärksten betroffenen Gebieten des Landes kostet das Getreide heute sogar noch mehr als während der Hungersnot 2011 und der Dürrekatastrophe 2017. Manche Grundnahrungsmittel sind zudem gar nicht erhältlich und der wichtige Warenfluss von Äthiopien nach Somalia ist aufgrund des zuvor erwähnten Konfliktes beeinträchtigt.

In Kenia ist der Anstieg der Lebensmittelpreise dank guten Ernten in den westlichen Teilen des Landes weniger extrem. Nichtsdestotrotz befinden sich die Getreidepreise in den von der Dürre betroffenen Gebieten im Norden und Osten des Landes auf überdurchschnittlichem Niveau.

 

Auswirkungen der Wüstenheuschreckenplage

Die Situation hat sich im Vergleich zum selben Zeitpunkt im Jahr 2020 aufgrund erfolgreicher Bekämpfungsmassnahmen und den weniger günstigen Wetterbedingungen für die Wüstenheuschrecken deutlich verbessert. Die Auswirkungen dieses Schädlings auf die Ernährungssicherheit in den letzten zwei Jahren waren laut zahlreichen Analysen der Plattform für die Klassifizierung von Ernährungsunsicherheit (IPC) in der gesamten Region aber trotzdem erheblich.

 

Unsicherheit wegen Konflikten

Konflikte sind mitverantwortlich für die Ernährungsunsicherheit am Horn von Afrika, da sie die Lebensgrundlagen zerstören, die Märkte lahmlegen und zu massiven Vertreibungen führen, insbesondere in Äthiopien und Somalia. Darüber hinaus gibt es in beiden Ländern nach wie vor erhebliche Einschränkungen für die humanitäre Hilfe. Aber auch in Teilen Kenias verschärft sich die Lage aufgrund der Zunahme dürrebedingter und ressourcenbezogener Konflikte.

 

Prognosen zur Ernährungssituation

Die kenianischen Counties mit der grössten Ernährungsunsicherheit Nov. 21 – Jan. 22 © IPC

In Somalia werden zwischen Februar und Mai 2022 voraussichtlich 4,6 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit (IPC-Phase 3 oder höher) betroffen sein, was einer Verdoppelung der Zahl im Vergleich zum selben Zeitraum im Jahr 2021 entspricht.

Laut dem Halbjahresbericht des humanitären Reaktionsplans für Äthiopien der Vereinten Nationen sind in Äthiopien fast 18 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Auch die Unterernährungsraten sind in allen drei Ländern hoch, wobei in vielen Gebieten die Prävalenz der globalen akuten Unterernährung über dem Schwellenwert von 15 Prozent liegt. Bei viehzüchtenden Gemeinschaften haben Untersuchungen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Milch und dem Ernährungszustand der Kinder unter fünf Jahren aufgezeigt. Angesichts des erheblichen Rückgangs der Milchproduktion aufgrund des schlechten Zustandes der Tiere werden die Unterernährungsraten in den Viehzuchtgebieten während der bevorstehenden Trockenzeit wahrscheinlich weiter steigen.

 

Wie VSF-Suisse hilft

VSF-Suisse ist in allen drei Ländern tätig und hat in Anbetracht der aktuellen Krise ihre Aktivitäten nochmals intensiviert. Als Teil eines von der FAO finanzierten Projektes in Kenia unterstützen wir unter anderem in den Counties (obersten Verwaltungsebenen) Mandera und Wajir 2’000 Personen und ihre Familien mit Bargeld und Futter für ihre Tiere.

Die kombinierte Abgabe von Bargeld und Tierfutter hat sich bewährt. So werden die Wahlmöglichkeiten und die Würde der betroffenen Menschen respektiert und gleichzeitig ihre wirtschaftliche Erholung gefördert sowie die Grundversorgung der Tiere gesichert. Zusätzlich haben wir Schulungen zu Tierhaltung und -fütterung angeboten. Der Gesundheitszustand der korrekt gefütterten Kamele, Kühe, Schafe und Ziegen hat sich bereits in den ersten 10 Tagen merklich verbessert und die Milchproduktion hat sich verdoppelt.

Frau Timira Ali Abdi aus Gerille East in Wajir County erzählt uns:

Frau Timira Ali Abdi mit ihrem jüngsten Kind. © VSF-Suisse

«Die Dürre hat meine Tiere so sehr geschwächt, dass sie keine Milch mehr gaben. Meine Kinder sind aber auf Milch angewiesen. Mit der finanziellen Unterstützung konnte ich Nahrungsmittel und Milchpulver für meine Kinder kaufen. Dank dem Tierfutter, welches wir erhalten haben, produzierten meine Tiere nach 2-3 Wochen wieder genug Milch, so dass meine Kinder davon wieder satt werden.»

Wie Sie sehen, kommt unsere Unterstützung bei den Menschen an, die sie auch wirklich benötigen. Unsere Mitarbeitenden vor Ort berichten aber leider auch, dass die Hilfe nicht ausreicht: Abertausende weitere solcher Gemeinschaften wie diese benötigen sofortige Unterstützung. Wir sind weiterhin auf Spenden angewiesen, um diese lebensrettende Arbeit für die Menschen und Tiere am Horn von Afrika fortführen zu können. Bitte helfen auch Sie mit!

 

 

 

Quellen: