Drei Begegnungen aus Kenia
Wie wirkt unsere Arbeit vor Ort? Und was bleibt, wenn Projekte abgeschlossen sind?
Gregor Schmid, Tierarzt und Vorstandsmitglied von VSF-Suisse, ist diesen Fragen im vergangenen Frühjahr während einer Reise nach Kenia nachgegangen. In diesem Beitrag teilt er seine persönlichen Eindrücke und drei Begegnungen, die ihn besonders bewegt haben.
„Bringt eure Arbeit überhaupt etwas? Und bleibt davon etwas bestehen, wenn ihr weg seid?“
Diese Fragen höre ich als Vorstandsmitglied von VSF-Suisse oft. Es sind berechtigte Fragen – und ich stelle sie mir selbst.
Anfang Mai reiste ich nach Kenia, in die Region Isiolo, rund 300 Kilometer nördlich von Nairobi. Die Gegensätze waren eindrücklich: Dürre, Armut und Unsicherheit auf der einen Seite – Hoffnung, Stolz und Aufbruch auf der anderen. Drei Begegnungen haben mir besonders deutlich gezeigt, was langfristige Entwicklungsarbeit bewirken kann.
Medina (38): Wenn Tierfutter das Überleben sichert
Medina Mohamed ist 38 Jahre alt, Mutter von vier Kindern und Teil einer Kooperative, die Tierfutter produziert. Das VSF-Suisse-Projekt, das Tiergesundheitsdienste stärkte und Einkommensmöglichkeiten schuf, wurde bereits 2023 abgeschlossen. Heute arbeitet die Kooperative selbstständig und erfolgreich.
„Früher konnten wir mit unseren Tieren weiterziehen, wenn das Gras aufgebraucht war“, erzählt Medina. „Heute dauern die Dürren länger und kommen häufiger. Wir haben ganze Herden verloren.“
Gemeinsam mit anderen Frauen lernte sie, Gras anzusäen, zu lagern und als Futter zu verkaufen – ähnlich wie das Heuen bei uns. So haben die Tiere auch in der Trockenzeit genug zu fressen, und die Familien ein zusätzliches Einkommen.
Medina ist Kassiererin der Kooperative.
„Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben. Die Menschen respektieren mich.“

Regina (57): Wie Wissen neue Sicherheit schafft
In Isiolo treffe ich Regina Wanjira. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie ausgeraubt – selbst ihre wenigen Tiere wurden gestohlen. Sie stand vor dem Nichts.
Regina nahm an einem Geflügelprojekt von VSF-Suisse teil und erhielt eine fundierte Ausbildung in Hühnerhaltung und Tiergesundheit. Heute führt sie eine erfolgreiche Hühnerzucht und ist in ihrem Umfeld zur gefragten Ansprechpartnerin geworden.
Stolz zeigt sie mir einen alten, sorgfältig gefalteten Impfplan.
„Ich halte mich genau an das, was ich gelernt habe“, sagt sie. „Wer Fragen zu Hühnern hat, kommt zu mir.“
Besonders berührt hat mich, als sie von ihrem jüngsten Sohn erzählt:
„Er hat gerade seinen Universitätsabschluss gemacht. Früher hätte ich mir das nie vorstellen können.“

Christina (37): Anpassung an den Klimawandel
Am letzten Tag besuchen wir Christina Lokapet, 37 Jahre alt, Mutter und Dromedarhalterin. In dieser Region unterstützt VSF-Suisse den Umstieg von Rindern auf Dromedare – Tiere, die besser mit extremer Trockenheit umgehen und selbst unter schwierigen Bedingungen Milch liefern.
Ein Dromedar kostet rund 400 Franken – eine grosse Investition. VSF-Suisse vermittelt Wissen, stellt gesunde Tiere bereit und unterstützt neue Milchwertschöpfungsketten.
„Die Sammelstellen funktionieren“, sagt Christina. „Und jetzt bauen wir eine neue – aus eigener Initiative.“

Was bleibt
Diese Reise hat mir eine klare Antwort gegeben: Entwicklungsarbeit wirkt – wenn sie Menschen befähigt, Verantwortung zu übernehmen und ihren eigenen Weg zu gehen.
Unsere Arbeit schafft Gesundheit, Sicherheit und Perspektiven für Menschen, Tiere und ihre Umwelt.
Und sie wirkt weiter, lange nachdem ein Projekt offiziell abgeschlossen ist.

Gregor Schmid
Tierarzt und Vorstandsmitglied VSF-Suisse

