Am Horn von Afrika droht eine Krise. Die momentane Ernährungssituation ist prekär und die Vorhersagen für den Rest des Jahres 2021 sind alarmierend. Dazu geführt haben die kombinierten Auswirkungen einer schwachen letzten Regenzeit und einer verspäteten nächsten Regenzeit, der damit einhergehenden Dürre, der Wüstenheuschreckenplage sowie verschiedener Konflikte in der Region und der Covid-19-Pandemie. Die Berichte unserer Mitarbeitenden in Äthiopien, Kenia, Somalia und Südsudan sind besorgniserregend und die Plattform für die Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphasen (IPC) warnt vor einer Hungerkatastrophe mit mehr als 15 Millionen betroffenen Menschen. Die internationale Gemeinschaft wird zum sofortigen Handeln aufgerufen.

 

Das Horn von Afrika kennt Dürreperioden. In manchen Jahren ist die vorhergegangene Regenzeit aber relativ ergiebig, so dass genug Wasser in Brunnen, Reservoirs und dem Boden gespeichert werden kann, um eine normale Trockenzeit einigermassen gut zu überstehen. Leider war dies während der letzten Regenzeit vielerorts nicht der Fall und auch die nächste Regenzeit lässt auf sich warten. Wobei zu erwähnen ist, dass der Südsudan mit gegenteiligen Problemen zu kämpfen hat: Hier führte zu viel Regen zu Überschwemmungen, so dass ganze Dörfer und Gemeinschaften ihre Lebensgrundlagen zerstört sahen und fliehen mussten.

Die Problematik am Horn von Afrika ist komplex, speziell dieses und letztes Jahr. Zu den klimatischen Schwierigkeiten kam eine Invasion von Wüstenheuschrecken, die ganze Felder zerstörten und Vorräte, Ernten und Tierfutter wegfrassen. Die Auswirkungen der weltweiten Covid-19-Pandemie, welche vor allem die ärmsten Bevölkerungsgruppen empfindlich trifft, sowie diverse regionale Konflikte verschärfen die Ernährungssituation zusätzlich. Es kommt momentan also vieles zusammen und resultiert in einer Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, die laut den statistischen Erhebungen der Plattform für die Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphasen IPC die Leben und Lebensgrundlagen von mehr als 15 Millionen Menschen in Äthiopien, Kenia, Somalia und Südsudan bedroht.

 

Die verschiedenen Klassifizierungen von Ernährungsunsicherheit

 

Die IPC ist eine internationale Initiative, getragen von den Vereinten Nationen, führenden Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Akteuren, zur Verbesserung der Analyse und Entscheidungsfindung im Bereich Ernährungssicherheit und Ernährung. Die IPC-Klassifizierung erlaubt es, den Schweregrad und das Ausmass von akuter und chronischer Ernährungsunsicherheit sowie akuter Unterernährung in einem Land nach international anerkannten wissenschaftlichen Standards zu bestimmen. Für die Beurteilung der aktuellen Situation in Anbetracht einer drohenden Hungersnot, wird die IPC-Klassifizierung für akute Ernährungsunsicherheit (IPC AFI) verwendet. Diese Skala liefert strategisch relevante Informationen, um schwere Ernährungsunsicherheit, die Leben oder Lebensgrundlagen bedroht, zu verhindern, zu mildern oder zu verringern. Dabei wird zwischen fünf verschiedenen Schweregraden (IPC-Phasen) der akuten Ernährungsunsicherheit unterschieden:

(1) minimal, (2) angespannt, (3) kritisch, (4) Notfall, (5) Katastrophe/Hungersnot.

In einem Land können zur gleichen Zeit in verschiedenen Regionen unterschiedliche Schweregrade vorherrschen. Im Folgenden ein Überblick über die Situation in unseren Partnerländern Südsudan, Äthiopien, Kenia und Somalia.

 

Südsudan – ohne gezielte Hilfe droht eine Hungersnot

 

Im Südsudan ist die Ernährungsunsicherheit momentan am gravierendsten und hat ein seit Jahren nicht mehr gesehenes Niveau erreicht. Die Prognosen rechnen mit 7,2 Millionen Menschen, welche bis Juli 2021 von akuter Ernährungsunsicherheit (IPC Phase 3 oder höher) betroffen sein werden. 100’000 Menschen werden sich im Jahr 2021 voraussichtlich in einem Zustand der Hungersnot befinden (IPC Phase 5). 1,8 Millionen Frauen und Kinder sind akut unterernährt und die Situation verschlechtert sich weiter.

Im Gegensatz zu den anderen Ländern am Horn von Afrika, wo Wasser mangels schwacher Regenfälle fehlt, sind im Südsudan mitunter Überschwemmungen und die damit verbundenen Fluchtbewegungen der Bevölkerung für die prekäre Ernährungssituation mitverantwortlich. Die lokale Unsicherheit, die Wirtschaftskrise und schlechte Ernten tragen das Ihrige dazu bei.

Die UNO sowie andere internationale und lokale Organisationen rufen dringend zu Finanzierung und Durchführung von gezielten Nothilfemassnahmen auf, damit eine weitreichende Hungersnot noch abgewendet werden kann.

Auch wir mobilisieren vor Ort alle verfügbaren Kräfte und leisten Nothilfe. VSF-Suisse ist aktives Mitglied des Food Security Clusters (FSC), einer von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und dem Welternährungsprogramm (WFP) geleiteten globalen Koordinationsstelle für die Ernährungssicherheit während einer humanitären Krise. Unser Länderdirektor für Südsudan, Phanuel Adwera, erklärt:

Ing. agr. Phanuel Migoya Adwera

 

«VSF-Suisse wurde vom Food Security Cluster beauftragt, in 3 der 10 Bezirke, die im Südsudan als am nächsten zur Hungersnot stehend (IPC 4 und 5) eingestuft sind, Nothilfemassnahmen zur Ernährungssicherheit durchzuführen.»

 

 

 

Folgende Massnahmen sind gerade im Gange:

– In Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und der FAO hat VSF-Suisse soeben eine Notfallintervention im Bereich Fischerei abgeschlossen. Diese hat 9’000 Haushalten (rund 54’000 Personen) einen besseren Zugang zu Fisch aus dem Nil, seinen Nebenflüssen und den riesigen Sümpfen, die durch die massiven Überschwemmungen entstanden sind, ermöglicht. Dies verbesserte die Ernährungssicherheit für die betroffenen Familien sofort.

– VSF-Suisse versorgt derzeit in Zusammenarbeit mit dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) und der FAO 13’867 Haushalte (83’202 Personen) im Bezirk Aweil South mit Kits für Gemüseanbau und Fischfang, um die Ernährung der Familien mit nährstoffreichen Lebensmitteln zu ergänzen und Unterernährung zu reduzieren.

– Aufgrund massiver Überschwemmungen, die die Nutzung von Weideflächen verunmöglichen und zu anhaltender Nässe geführt haben, kam es zu einer Zunahme von Viehkrankheiten. In Zusammenarbeit mit der FAO und mit finanzieller Unterstützung der Abteilung für humanitäre Hilfe von USAID hat VSF-Suisse die Impf- und Tiergesundheitskampagnen in schwer zugänglichen Gebieten intensiviert. Zusätzlich bilden wir noch mehr Tiergesundheitshelfer*innen aus. Ein gesunder Viehbestand ist eine wichtige Voraussetzung für mehr Ernährungssicherheit.

Wie das FSC und andere UN-Organisationen weist auch VSF-Suisse auf die Notwendigkeit von mehr finanziellen Mitteln und Spenden hin, um die prekäre Ernährungssituation im Südsudan in den Griff zu kriegen.

 

Äthiopien – hoffen auf den rettenden Regen

 

Obwohl bereits humanitäre Massnahmen getroffen wurden, wird erwartet, dass bis Juli 2021 schätzungsweise 12,9 Millionen Menschen von einem hohen Mass an akuter Ernährungsunsicherheit (IPC-Phase 3 oder höher) betroffen sein werden. Für den Projektionszeitraum Juli-September 2021 wird eine Entspannung erwartet. Allerdings wird auch dann die Ernährungsunsicherheit für ca. 4 Millionen Menschen in vereinzelten Gebieten immer noch als kritisch oder gar schlimmer eingestuft (IPC-Phase 3 oder höher).

Als Hauptgründe für die Situation in Äthiopien sieht die IPC die schwache Regenzeit, wirtschaftliche Probleme und erschwerten Zugang zu Nahrungsmitteln als Folge der Covid-19 Massnahmen, die durch die Wüstenheuschrecken entstandenen Schäden an Weideflächen und Ernten sowie die Vertreibung von ca. 1,2 Millionen Menschen aufgrund des Konfliktes in Tigray.

VSF-Suisse ist in den betroffenen Regionen aktiv und hilft unter anderem beim Ausbau der Kapazitäten für die Wasserspeicherung. In der Trockenzeit ist Wasserknappheit immer ein Problem. Tiergesundheit und -produktivität und damit die Ernährungssicherheit und die Lebensgrundlagen der Menschen sind direkt betroffen. Die zweite jährliche Regenzeit im Frühling liess lange auf sich warten, hat aber zum Glück jetzt eingesetzt.

 

Kenia ­– die Wichtigkeit der Nutztiere

 

Im Februar 2021 wurde die Situation für schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen in Kenia als kritisch (IPC-Phase 3) oder schlechter eingestuft. Zum Vergleich: im selben Zeitraum 2020 galt dies für 1,3 Millionen Menschen. Wir sehen also eine Zunahme von 15 %. Die Verschlechterung und der Schweregrad der akuten Ernährungsunsicherheit wurden auch in Kenia hauptsächlich auf die schwachen saisonalen Regenfälle zurückgeführt.

Aktuell gehen Schätzungen davon aus, dass die Zahl der kritisch Betroffenen bis Ende Mai noch auf ca. 1,8 Millionen Menschen ansteigen wird. 239’000 Menschen befinden sich gar in einer Notlage (IPC-Phase 4). Hinzu kommt, dass schätzungsweise 541’700 Kinder unter fünf Jahren und 98’800 schwangere oder stillende Frauen wegen akuter Unterernährung behandelt werden müssen.

Der Hauptgrund für das hohe Niveau der akuten Unterernährung ist grösstenteils auf die reduzierte Milchproduktion aufgrund fehlender Futter- und Wasserquellen sowie der schlechten Gesundheitsversorgung der Tiere zurückzuführen. Milch ist in den Trockengebieten die Hauptnahrung für Kinder unter fünf Jahren.

Dies unterstreicht einmal mehr, wie lebenswichtig gesunde Nutztiere für die Menschen in diesen Regionen sind. VSF-Suisse verbessert mit ihrem Engagement den Zugang zu Tiergesundheitsdiensten für Viehalter*innen in abgelegenen Regionen.

 

Somalia – Nothilfe und langfristiges Engagement können Leid lindern

 

Bis zu 2,7 Millionen Menschen in ganz Somalia werden bis Mitte 2021 unter akuter Ernährungsunsicherheit (IPC-Phase 3 oder höher) leiden, wenn keine humanitäre Hilfe geleistet wird. Darunter befinden sich bereits 400’000 Menschen in Notsituationen (IPC-Phase 4). Darüber hinaus sind etwa 840’000 Kinder unter fünf Jahren akut unterernährt. Die Gründe für den Schweregrad der Dürre und die schlimmen Auswirkungen sind auch hier dieselben wie in den Nachbarländern: Regenmangel, Wüstenheuschrecken, Covid-19 und Konflikte.

Immerhin gilt es als wahrscheinlich, dass die anhaltende, gross angelegte humanitäre Nahrungsmittelhilfe und die Unterstützung der Regierung seit Juli 2020 das Ausmass der Ernährungsunsicherheit gemildert haben. Leider deuten aber die meteorologischen Prognosen auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit unterdurchschnittlicher Niederschläge für die Regensaison April-Juni 2021 hin. Die Unterstützung für die Menschen in Somalia darf deshalb nicht nachlassen.

VSF-Suisse leistet Nothilfe und unterstützt die lokale Bevölkerung auch mit langfristig angelegten Projekten zur Verbesserung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Dürren. Dies beinhaltet z.B. die Instandsetzung von Brunnen, um deren Wasserspeicherungskapazität zu erhöhen und so Menschen und Tiere länger zu versorgen. Die Menschen werden im Unterhalt der Brunnen ausgebildet und zu sogenannten Wassermanagement-Komitees zusammengeschlossen, um die Brunnen gemeinsam und nachhaltig betreuen zu können.

 

Quellen:

https://fscluster.org/news/global-food-security-cluster-statement

https://reliefweb.int/report/south-sudan/un-member-state-virtual-briefing-humanitarian-situation-south-sudan-ngo-forum

Äthiopien: http://www.ipcinfo.org/ipc-country-analysis/details-map/en/c/1152948/?iso3=ETH

Kenia: http://www.ipcinfo.org/ipc-country-analysis/details-map/en/c/1154149/

Somalia: http://www.ipcinfo.org/ipc-country-analysis/details-map/en/c/1153010/?iso3=SOM

Südsudan: http://www.ipcinfo.org/fileadmin/user_upload/ipcinfo/docs/South_Sudan_Combined_IPC_Results_2020Oct_2021July.pdf